Vereinbarkeit am Küchentisch. Diesen Begriff hören häufig und benutzen wir auch selbst. Doch wir merken, dass ganz unterschiedliche Auffassungen darüber bestehen, was damit gemeint ist. Darum definieren wir hier einmal, was WIR damit meinen:

Bei der Verteilung des Haushalts geht es um Respekt für den anderen

Bei Vereinbarkeit am Küchentisch, geht es für uns nicht darum, wer die Wäsche wäscht, kocht, bügelt, einkauft. Eine faire Verteilung der Haushalts-To-Do’s unter allen im Haushalt lebenden Personen sehen wir aus reinem Respekt einander gegenüber schon als Basis des zwischenmenschlichen Zusammenlebens an. Respekt ist ein Teil von Vereinbarkeit. Aber es geht um mehr.

Wenn ein Mann zu einer Frau sagt: „Aber die Wäsche ist doch DEIN Job“ besteht da Gesprächs- und Verhandlungsbedarf. Warum soll das der Job dieser Person sein? Meint er das, weil das bei seinen Eltern so war? Gibt es Mythen von irgendwelchen Wäschewasch-Genen, die aus dem Weg geräumt werden müssen? Wurde dieser Verteilung im Ehevertrag festgeschrieben? 

In diesem Fall geht’s vor allem darum, dass sich die Partnerinnen miteinander darüber unterhalten, wie sie zusammenleben wollen ohne im Chaos zu versinken. Auch Paare ohne Kinder müssen sich private Verpflichtungen teilen und können das privat beschließen. Vor der Reform des Ehe- und Familienrechts 1976 stand tatsächlich im Gesetz, der Haushalt sei die Aufgabe der Frau. Ab 1977 regelten das die Partner:innen privat. Privat, by the way, ist ein enorm wichtiges Wort im Kontext Vereinbarkeit! Kommen wir gleich nochmal drauf zurück.

Singles haben beides: Haushalt und Karrieren – Wie geht das denn?

Auch männliche und weibliche Singles müssen Lösungen finden, um Nahrungsaufnahme, Wäsche und Co. zu organisieren. Die Wäsche kann man sogar recht gut outsourcen, um mehr Zeit und Fokus zum Beispiel für die Karriere zu haben. Denn die Wäsche ist Privatsache.

Der Karrierekiller Nr.1 sind (leider immer noch) die Kinder

Die Zahlen zum Gender Pay Gap, zur Verteilung von Führungspositionen nach Geschlecht, sowie vor allem die Bertelsmann Studie von 2020 zum Thema Lebenseinkommen und Gender haben gezeigt, dass Frauen OHNE Kinder durchaus inzwischen in Sachen Karriere und Geld aufholen. Kein Wunder, Frauen machen inzwischen die besseren Abschlüsse und bringen die besseren Qualifikationen mit. Die Diskussion um die Wäsche hält sie nicht auf. Aber Kinder tun es. Das klingt hart, ist aber genau das, was die Bertelsmann Studie belegt hat. Mit jedem weiteren Kind sinkt das erwartbare Lebenseinkommen der Frau und ihre Chance auf einen Karriereaufstieg.

Vereinbarkeit am Küchentisch hat weniger mit der Wäsche zu tun

Aber bei Vereinbarkeit am Küchentisch geht es NICHT um die fucking Wäsche. Es geht nämlich nicht um das Private. Es geht um das Politische, um das Gesellschaftliche und DAS sind Kinder. Die wichtige Frage ist nicht: Wer kocht? Sondern sind Kinder ein rein privates Vergnügen oder ein Gesellschaftsthema? Wir sagen Letzteres.

Die Wäsche ist Privatsache, Kinder sind Gesellschaftsthema

Schaut man ins Gesetz, findet man klare Argumente für letzteres. Laut §1631 haben die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten eine Sorgfaltspflicht, die Pflicht das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen. Die Verteilung dieser Aufgaben meint Vereinbarkeit am Küchentisch. Denn die Wäsche kann man auch mal morgen erst von der Wäscherei abholen. Die Kinder müssen pünktlich zu Kita, Kindergarten oder Schulen gebracht und von dort abgeholt werden. Niemand nimmt mir die Wäsche weg, wenn ich sie schlecht mache. Kinder können bei Verletzung der elterlichen Pflichten den Eltern abgenommen werden. Die Waschmaschine gibt mir keine Hausaufgaben. Schulen fordern, dass die Eltern aktiv an der Erziehung und Förderungen ihrer Kinder teilnehmen, sicherstellen, dass Aufgaben gemacht werden und komplizierte Dinge wie Äquivalenzumformungen erklären. Wie sich Partner:innen DIESE Aufgaben aufteilen, dabei geht’s bei Vereinbarkeit am Küchentisch. 

Auch Arbeitgeber:innen sind Teil der Vereinbarkeit

Von Arbeitgeber:innenseite kommt gerne das Argument, Kinder und deren Betreuung seien Privatsache und sie hätten nichts damit zu tun, ob durch das Vorhandensein von Kindern die Arbeitsleistung ihrer Arbeitnehmer:innen eingeschränkt würde. Kurzfristig ist das korrekt. Im Arbeitsvertrag einigen sich Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen darauf, dass für eine bestimmte Leistung eine bestimmte Verfügung gezahlt wird. Langfristig ist aber jedes Unternehmen Teil unserer Gesellschaft und Lehrer:innen beharren gerade deswegen so sehr auf die Mitarbeit der Eltern, weil Unternehmen der Politik sagen sie bräuchten in Zukunft gut ausgebildete Fachkräfte. In diesem Circle of Life and Work ist die Vereinbarkeit am Küchentisch, dann doch sogar Thema am Konferenztisch.

Von Vereinbarkeit profitieren am Ende mehr als nur die Eltern

Fuck the fucking Wäsche, bitte. Wichtig sind individuelle Lösungen, die Vereinbarkeit zur Gemeinschaftsaufgabe machen, an der alle mitwirken. Denn so profitieren auch am Ende alle von Vereinbarkeit: 

  • Eltern, die es pünktlich zu Kita schaffen und noch ausreichend Zeit haben mit ihren Kindern die Hausaufgaben zu machen
  • Schulen und Lehrer:innen, die flott im Lehrplan vorankommen, um den Kindern möglichst viel für die Arbeitswelt mitzugeben
  • Unternehmen, die auch in Zukunft mit ihrem Wachstum durch gutausgebildete, gesunde Fachkräfte rechnen können. 
  • Kinder und Jugendliche, die in dieser ganzen Diskussion bisher keiner fragt, was sie eigentlich brauchen und wollen, um in diesem Zirkus später mal mitspielen zu können und zu wollen.

Und weil wir ungern Dinge von anderen fordern, die wir nicht selbst einlösen: Hier geht’s zu mehr Informationen zum Thema individuelle Vereinbarkeit für und mit Unternehmen. Im Zertifikatslehrgang Vereinbarkeits Manager/in (IHK) lernen die Teilnehmer:innen Vereinbarkeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen, individuelle wirtschaftliche Anforderungen zu analysieren und sinnvolle, passende Konzepte und Maßnahmen zu erstellen.

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