Von Frauen und Karrieren

Dieser Artikel von Vanessa Jobst-Jürgens erschien zuerst in ihrem Blog auf fresh-coach.de

 

Wir, die Musterschülerinnen

Vor einigen Tagen erhielt ich einen Anruf von einem Headhunter. Solche Anrufe sind für viele von uns nichts Besonderes. Wir, die jungen und ambitionierten Mädels, die seit dem ersten, hart erkämpften Praktikum in einem (wichtig: großen und bekannten) Unternehmen um die Anerkennung unserer Kompetenz ringen – ohne dabei zu bossy, bitchy oder rough, aber auch ja nicht zu lieb, süß oder herzig zu wirken, der Grat ist ja so schmal. Wir haben uns den Respekt für unsere Arbeit ehrlich erkämpft, waren trotzdem fair und sind jetzt, zu recht, erfolgreich. Wir haben uns unter dem Deckmantel der „Selbstachtung” ein bisschen zum Selbstmarketing hinreißen lasse und haben unsere Ellenbogen unter Protest ausgefahren. Dabei hatten wir stets unsere Vorbilder, die erfolgreichen und unbekümmerten Kollegen im Auge.

Da trifft es sich gut, dass sich nun auch endlich Headhunter auf unserem Linkedin-Profil tummeln und uns um ein Telefonat bitten. Ist ja klar, wir sind kompetent, wir haben einige Jahre Berufserfahrung, sind selbstsicher, sowas von selbstsicher. Und vielleicht sind wir auch Mütter. Und wir arbeiten in Teilzeit. Oh Gott. Die ganze Sache mit dem Selbstbewusstsein, dem Kompetenzgefühl und den Ellenbogen – alles gedanklich hinüber.

Aber, zurück zum Telefonat: Mein Telefon klingelt während meiner Joggingrunde. Ich entscheide mich, die letzten Meter zu gehen und nehme den Anruf an. Ich schätze den Mann am anderen Ende der Leitung wie folgt ein: Mitte 40, grauer Anzug mit braunen, ausgelatschten Schuhen und seine Füße liegen während des Telefonates wahrscheinlich auf dem unaufgeräumten Schreibtisch. Er stellt sich als Recruiter vor und erzählt, dass er über Xing auf mich aufmerksam geworden sei. Er berichtet mir von einer „sehr interessanten Position bei einem direkten Konkurrenten”, meine „Skills würden perfekt zu der ausgeschriebenen Stelle passen.”

Wir haben alle Voraussetzungen – bis auf eine

Aha. Ok, versuchen wir es mal. Ich erzähle ihm ein bisschen über mich, meine Erfahrungen als Unternehmensberaterin und meine Steckenpferde. Er kriegt sich nicht mehr ein. „Toll, passt bestens!” Wirklich toll, finde ich auch.
Er fragt mich, ob ich mir vorstellen könnte, eine Stufe über meiner aktuellen Position, also im Management, einzusteigen. Die Voraussetzungen hätte ich ja. Darauf habe ich ein bisschen gewartet.

Ich habe schon immer gerne den schnelleren Weg genommen. Persönlich traue ich mir das Ganze zu, wäre da nicht mein Gefühl, dass die Teilzeit im Wege stehen könnte. Ich beschließe: weg mit dem Pessimismus! Ich bejahe die Frage und wage es, die Karten einfach aber professionell auf den Tisch zu knallen. Zack! Mal sehen, was passiert. Ich frage ihn, wie der direkte Konkurrent zum Thema Vereinbarkeit von Job und Familie sowie Teilzeitmodellen steht. Die Atmung des Mannes setzt gefühlt kurz aus. Ich grinse. „Das ist theoretisch kein Problem. Trifft diese Situation denn auf Sie zu?” Ich atme tief durch. Ich beantworte die Frage mit einem kurzen „Ja” und lasse es wie selbstverständlich klingen. „Naja, dann wäre der Sprung ins Management vermutlich nicht möglich, mit einer Teilzeitstelle.”

What?! „Da müssten Sie schon von Anfang an richtig reinhauen, um das zu rechtfertigen.” Äh, wie bitte? Was soll ich denn sonst tun? Däumchen drehen? Kindersöckchen stricken? „Schade”, sage ich, „ich finde, ein Karrieresprung sollte trotz Teilzeit möglich sein. Eine geminderte Stundenzahl mindert meine Kompetenz ja nicht und in vielen Fällen sind Mitarbeiter in einem Teilzeitmodell sehr effizient, weil sie ihre Zeit eben bewusst durchplanen und Aufgaben schneller erledigen.” Stille auf der anderen Seite der Leitung (die keine Leitung mehr ist).

Unternehmen müssen einfach anfangen umzudenken, oder?

„Da gebe ich Ihnen Recht. Ich kläre das Ganze noch einmal ab und komme dann
noch einmal auf Sie zu.” Er verabschiedet sich mit „Alles Gute” und ich weiß, dass ich nie wieder von ihm hören werde. Das ist ok. Aber meine Befürchtung, dass es anscheinend ein Problem ist, die Karriereleiter als kompetente Frau in Teilzeit weiter hinaufzusteigen, hat sich als reales Problem erwiesen. Ich persönlich wurde damit nur bis jetzt noch nicht konfrontiert.

Wie kann man bewusst auf unser wertvolles Know how in den oberen Etagen der Unternehmen verzichten? Es reicht nicht, dass nur in den Vorständen der großen Unternehmen mittlerweile mehr Frauen sind, da geht doch noch was, oder? Im mittleren Management, also in den Vorständen von übermorgen, sind Frauen aktuell auch noch ziemlich rar gesät. Der Baum der erfolgreichen und gleichzeitig weiblichen Manager ist demnach kein Baum, sondern ein dürrer Ast. Es wird Zeit, daran zu arbeiten, Ladies! Also, Spread the word!

 

Zur Autorin:
Mehrere Jahre hat Vanessa als Unternehmensberaterin für Veränderungsprozesse und Digitale Transformation in einem renommierten Beratungsunternehmen gearbeitet. Während ihrer Elternzeit hat sie sich zum Systemischen Management Coach ausbilden lassen und arbeitet gerade an ihrer eigenen Studie zum Thema New Work. Diesen Post hat sie für den Blog ihrer Website geschrieben.

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