MMBC-Member und Coach Astrid Meinberg begleitet ambitionierte, berufstätige Mütter dabei ihre ganz individuelle Mutterrolle zu finden und umzusetzen. Im Zuge des Gesprächs mit Mama Meeting Redakteurin Bianca Dukart hat sie mir ihr darüber gesprochen, worauf sie dabei ihren Fokus legt, aber auch darüber, wie männlich dominierte Umfelder und Strukturen erfolgreiche Frauen ausbremsen und ausbrennen, welches Umdenken es in Unternehmen hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf braucht und was berufstätige Mütter für ihr eigenes Weiterkommen und Wohlbefinden tun können.

MMBC-Member und Coach Astrid Meinberg

Du bist dreifache Mutter, studierte Kulturwirtin und seit Mitte 2020 Coachin für Mütter und Kinder. Magst Du unseren Leserinnen etwas mehr über Dich erzählen?

Ja, weil es nach dieser Einführung irgendwie notwendig anfühlt.. Es ist so wichtig, wie wir uns unsere eigene Geschichte erzählen und uns auch nach außen darstellen. So wie Du es gerade aufgezählt hast, klingt es nicht nach mir, finde ich. Im Grunde habe ich dieses unkonventionelle Moment, das jetzt auch im Zentrum meines Coachings steht, schon immer in mir getragen. Ich wollte mal Tischlerin werden, mal Krankenschwester, Kulturwirtschaft war ein mein Kompromiss – immerhin mit Diplom, für Papa. Dass ich mich nach dem Diplom nicht für Consulting interessiert habe, was gerade ein großer Hype war, ist ein weitere Aspekt, der mein Leben geprägt hat. Und ein Praktikum in Singapur zusammen mit der Entscheidung für mein drittes Kind der beste bisher 😉 Ich wollte immer auf meine Art etwas eigenes machen, was einen höheren Sinn erfüllt in der Welt. Ein bisschen Piratin, die für Freiheit und Lebensqualität kämpft. Jetzt lebe ich in Hamburg – der Heimat von Störtebeker – mit meiner Familie und bin sehr dankbar dafür, was für mich gerade trotz aller Widrigkeiten möglich ist. Ich habe meinen Weg gefunden, selbstbestimmt zu bleiben, ambitioniert berufstätig zu sein und gleichzeitig eine Mutter (weitgehend) ohne schlechtes Gewissen.

Du bist sehr lange im Vertriebscontrolling tätig gewesen und hast Dich dann dafür entschieden, Mütter zu coachen. Was hat Dich dazu bewegt, diesen Weg zu gehen?

Rückblickend ist wohl eher die Frage, was ich so lange im Vertriebscontrolling gemacht habe. Ich bin dort über meine Interkulturelle Kompetenz hineingerutscht, weil ich einen sehr guten Chef hatte, der wusste, dass er genau auf dem Gebiet Unterstützung gut gebrauchen konnte. Und mich hat dann sehr lange gereizt, was ich dort alles lernen durfte über Vertrieb, Vertriebssteuerung und -controlling in unterschiedlichen Märkten und Geschäftsmodellen aber auch über Mitarbeitermotivation und Incentives, Konzernpolitik, Changemanagement, New Work… bis zum Ende habe ich sehr geliebt, wie ich mich inhaltlich und karrieretechnisch immer weiterentwickeln konnte. Parallel dazu sind meine Zweifel an der Arbeit in so einer großen Organisation immer mehr gewachsen. Ich wollte mehr mit einzelnen Menschen arbeiten, weniger mit KPIs und steifen Prozessen, weil ich spürte, dass im Innenleben von uns Menschen viele verbleibende Hindernisse für Erfolg verborgen liegen. In meiner Coaching Ausbildung habe ich dann tiefer als bisher verstanden, wie viele Wurzeln dieser Hindernisse in der Kindheit liegen, und dass wir uns vielleicht viel Ärger als Erwachsene sparen könnten, wenn wir Mütter und damit auch ihre Kinder stärken und in ihrer Selbstbestimmung unterstützen. Damit sie gesundere Erwachsene und Mitarbeiter werden.
Und natürlich möchte ich auch Mütter darin unterstützen, ihrer Berufstätigkeit weiter nachgehen zu können. Ich habe ja selbst erfahren, wie viel Energie es kosten kann, allem gerecht zu werden. Wir brauchen aber sichtbare Mütter – und auch Väter – in verantwortungsvollen Positionen, um Diversität zu erhöhen und die Führungskulturen in Unternehmen zu modernisieren. Vom Fachkräftemangel der nicht gehobenen Potenzialen von „bestausgebildeten Frauen“ ganz zu schweigen. Viel mehr Unternehmen wären wahrscheinlich gut beraten, ihren Mitarbeiterinnen ein Coaching wie meines zu ermöglichen, damit sie auch durch die Familienphase ihren Beitrag leisten können. Und ich möchte Frauen dazu ermuntern, mutig voran zu gehen, wo sie im Kleinen Vereinbarkeit für sich und ihre Nachfolgerinnen initiieren können. Dazu bin ich auch gerade in Gesprächen mit einigen von Euch ausgebildeten Vereinbarkeitsmanagerinnen.

Als Coachin hast Du dir die Aufgabe gestellt, Frauen darin zu unterstützen, in ihre Mutter-Rolle zu wachsen und auch beruflich als Frau souverän zu sein. Vor welchen Herausforderungen siehst Du (angehende) Mütter und welche Herausforderungen hast Du selbst überwunden, um in Deine Mutter-Rolle zu finden?

Aus meiner Sicht stehen besonders gut ausgebildete, ambitionierte Frauen heutzutage vor dem Dilemma, dass einerseits alles möglich zu sein scheint, andererseits aber in unserer Gesellschaft die Erfüllung aller Erwartungen an „Mütter“ einfach nicht zu realisieren ist. Das führt zu Überforderung. Darüber hinaus fokussieren sich viele dieser Frauen – wie ich auch lange – in den ersten Jahren ihrer Karriere darauf, in einer noch immer weitgehend „männlich“ geprägten Unternehmenskultur erfolgreich zu sein. Die Kompetenzen und Verhaltensmuster, die sie dafür entwickeln, sind nicht unbedingt dieselben, die dabei helfen, ein Baby zu betreuen und einen Familien-Alltag zu managen. Auch der Leistungsfokus, der dort vorherrscht ist aus meiner Sicht nicht immer hilfreich. Das kann sich anfühlen wie ein Neustart in einem komplett neuen Job ohne Ausbildung oder Vorbereitung. Ich selbst hatte zum Beispiel während meiner Baby-Auszeit ganz stark das Gefühl, meine Souveränität, die mich durch die vergangenen Jahre in der Karriere erworben hatte, komplett verloren zu haben. Ich fühlte mich wie eine absolute Anfängerin, was ich so nicht erwartetet hatte.
Auch versuchen ambitionierte Frauen sich und der Welt zu beweisen, dass es möglich ist, als Frau beruflich erfolgreich zu sein. Und erst wenn ein Kind kommt, und sich Frauen darüber Gedanken machen, wie sie die Situation meistern, merken sie, dass das System, unserer Gesellschaft, doch noch nicht wirklich weit ist in Sachen Gleichberechtigung und Vereinbarkeit. Aber um in diesem Moment das ganze System zu verändern fehlt genau in dann vielen Zeit und Energie. Da können die wenigsten politisch tätig zu werden. Die Diskussionen dazu sind wichtig und ich unterstütze sie, aber sie helfen Frauen in dieser akuten Lage nicht.
Ich unterstütze Frauen in diesem Moment dabei, sich Gestaltungsspielräume zu bewahren. Für mich ist die Herausforderung, sich von den Erwartungen von außen, den eigenen Prägungen und scheinbaren beruflichen Zwängen zu emanzipieren, aus einer „Opferhaltung“ zu verabschieden, und eine tiefere persönliche Standortanalyse zu machen, die dann ermöglicht, eine ganz eigene Vision davon zu entwickeln, wie die eigene Mutterschaft aussehen darf. Was ist mir wirklich wichtig – für mich, in der Erziehung, Partnerschaft, Familie, meinem Leben? Und dann strategisch daran zu arbeiten. Aber eben erst dann. Das ist nicht leicht und geht nicht schnell, aber es ist effektiver als „weiter so“ und alle Ratschläge und Methoden der Welt, mit denen wir uns sonst so über Wasser halten.

Neben persönlichem Coaching bietest Du Gruppen an, in denen der Austausch unter Müttern möglich ist und in denen Du mitwirkst. Kannst Du uns mehr darüber erzählen?

Laut meiner eigenen Umfrage fehlen weit über 30% der Frauen, Vorbilder dazu, wie es für sie funktionieren könnte. Ganz normale starke Frauen, die weder „naive Vollzeit Mütter“ noch Geschäftsführerinnen oder CEOs sind. Die sich nicht damit abfinden wollen, in diesen Mama-Strudel zu rutschen, aber auch nicht kompromisslos weitermachen wollen wie bisher.
Aber es gibt viel dazwischen. Das habe ich auch für mich gelernt. Und es ist keine Bankrott-Erklärung, wenn eine Frau Erfolg und Unabhängigkeit so definiert, wie es zu ihr passt.
Daher baue ich eine Community auf, in der es nicht darauf ankommt, allgemeingültige Ratschläge und Methoden zu entwickeln, sondern sich gegenseitig auszutauschen und dabei zu unterstützen, dass jede Frau ihren eigenen Weg finden kann. Da gibt es kein richtig und kein falsch, kein Bashing auf andere Mütter. Dort gebe ich Impulse und fördere freie, respektvolle gegenseitige Unterstützung und Bestärkung. Empowerment.
Zudem fühlen sich schwangere Frauen oft sicherer und entspannter, wenn sie von Frauen umgeben sind, die in etwa im gleichen Stadium des Mutter-Werdens sind. Daher ergänze ich meine intensiven 1:1 Coaching Programme, die in der Schwangerschaft schon starten können, aber bestmöglich über die Geburt hinaus gehen, mit Gruppen-Interaktionen, wann immer das möglich ist. Oft passiert es genau dort, dass trotz aller Individualität auf einmal 2-3 Frauen ähnliche Pläne haben und sich gegenseitig bestärken und unterstützen können.

Das Prinzip Deines Coaching lautet "sicher & entspannt in DEINE Mutter-Rolle". Dabei geht es nicht nur um die eigene Mutterschaft sondern auch um die Bedürfnisse des Kindes. Erkläre uns gerne den Zusammenhang. An wen richtet sich Dein Coaching?

Was ich selbst oft erlebt habe, bei mir aber vor allem auch bei Frauen in meinem Umfeld, sind Ratschläge und Methoden-Empfehlungen für die Erziehung von Kindern, die im Grunde mehr verunsichern und zu Stress führen, als dass sie helfen. Dafür wird viel Geld, Energie und Zeit verbraucht. Mein Ansatz ist dagegen, wirklich Sicherheit & Entspannung zu fördern, indem ich mit den Frauen ganz individuell erarbeite, was für sie speziell hilfreich ist. Das ist einfach sehr unterschiedlich! Und mit der Entspannung ist das so eine Sache, bei der ich mir manchmal ehrlich gesagt selbst nicht ganz sicher bin. Vielleicht ist es eher Gelassenheit, an die ich glaube. Dabei geht es jedenfalls darum, dass ich mich als Mutter selbst im Blick habe. Denn wenn wir Mütter nicht so gestresst sind, sind wir erst wirklich in der Lage feinfühlig und empathisch die Bedürfnisse unserer Kinder wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Methoden helfen da nur begrenzt. Ich muss als Mutter meine Visionen kennen, auf die ich mich wie auf einen Leuchtturm ausrichten kann. Ich kann mich an meinen Werten orientieren, die mich wie Leitplanken auf dem Weg halten und mir beim Priorisieren helfen. Dann kann ich viel leichter gelassen bleiben, wenn die Wellen des Alltags mal höher schlagen.
Und wenn ich mit mir und meinem Weg im Reinen bin, dann kann ich mich auf mein Kind konzentrieren.  Weil ich mich nicht dauernd in Frage stelle, mir nicht dauernd Vorwürfe mache, mich selbst kritisiere… wir kennen das alle. Wenn ich mich aber so annehmen gelernt habe, wie ich bin, kann ich das auch mit meinem Kind. Dann kann ich mein Kind auch seine Potenziale entfalten lassen, sein Selbstbewusstsein und seine Selbstwirksamkeit fördern. Und damit können wir dazu beitragen, dass diese Generation selbstbestimmter und stärker, freier, kreativer, innovativer wird als wir es je sein werden. Und damit die Gesellschaft revolutionieren. Für eine bessere Zukunft!

Dein Fokus liegt ja auf dem Coachen von Müttern. Du hast jedoch auch eine Ausbildung zur Kinder- und Jugendcoaching absolviert. In welcher Hinsicht möchtest Du Familien und ihre Kinder hier unterstützen?

Die Expertise aus meinen verschiedenen Kinder- und Jugend-Coaching-Ausbildungen hilft mir natürlich, Mütter gut auf die Begleitung ihrer Kinder vorzubereiten. Darauf liegt bisher mein Fokus. Immer wieder habe zusätzlich Anfragen von Müttern, die schon etwas ältere Kinder haben, mit denen es verschiedene Herausforderungen gibt. Dann arbeite ich auch bevorzugt mit den Müttern und gebe ihnen Tools aus dem Kinder- und Jugend-Coaching an die Hand, die ihnen helfen, als Mutter selbst gut mit den Herausforderungen ihrer Kinder umzugehen. Das nimmt sie in die Verantwortung, gibt ihnen Gestaltungsspielräume und stärkt sie damit auch.

Hast Du drei persönliche Learnings für eine sichere & entspannte Mutterschaft, die Du angehenden Müttern mitgeben möchtest?

Für mich ist die Essenz im Grunde die „selbstbestimmte Mutterschaft von Anfang an“. Also, dass ich mich darauf fokussiere, was ich selbst in diesem Rahmen bestimmen kann. Und dafür muss ich mich zunächst selbst bestimmen. Also konkret:

  • Es gibt mehr Gestaltungsspielraum, als wir denken!
    Wenn ich mich auf das konzentriere, was ich selbst in der Hand habe, anstatt auf das, was auf einmal fremdbestimmt erscheint, habe ich viele Möglichkeiten zu entscheiden, wie ich diese Lebensphase gestalten möchte. Welche Prioritäten setze ich? Aber auch welche Preise bin ich dafür bereit bin zu zahlen? Etwa Zeit mit dem Kind zu verpassen, weil ich Zeit für Karriere brauche. Oder Karriere zu verpassen, weil ich Zeit für das Kind brauche. Oder oder oder. 
  • Ein gutes Gewissen kann ich mir selbst machen.
    Reflektier Dich selbst: Wer bist Du wirklich? Was willst Du? Was sind Deine Stärken? Was sind Deine Bedürfnisse? Wo ist es hilfreich, sich weiterzuentwickeln oder Hilfe anzunehmen? Je weniger ich versuche, alles richtig zu machen, um so mehr Energie habe ich, um alles für mich passend zu gestalten. Dadurch werde ich unabhängiger von Erwartungen anderer. Es wird weniger wichtig, ob ich sie erfülle oder nicht. Und für meine eigenen Erwartungen entwickle ich mehr Bewusstsein und stelle ein „Warum“ dahinter, so dass ich besser motiviert bin, in die Verantwortung zu gehen und sie zu verwirklichen. Ich brauche dann keine schlechtes Gewissen mehr.
  • Sich Unterstützung holen ist sehr hilfreich. Für einen großen Karriereschritt oder unsere erste Führungsposition ist es selbstverständlich, dass wir uns weiterbilden und coachen lassen. Aber wenn wir Mutter werden ist so eine ungeschriebene Erwartung, dass uns alles mitgegeben ist, um jetzt neben unserem eigenen Leben noch ein komplettes anderes Leben zu verantworten. Warum? Gerade hier geht es um Führung, um Entscheidungen unter Unsicherheit, um Teamführung und vieles mehr.

Das ist für mich der Kern. Nebenbei und später im Leben, können wir dann alle unsere Erfahrungen nutzen, um auch gesellschaftlich und politisch dafür so kämpfen, dass die Perspektive von Müttern und auch Vätern mehr ins Zentrum gerückt wird und sich die Rahmenbedingungen weiter für alle verbessern.

Vielen Dank für das sehr spannende und informative Gespräch! 

Mehr zu Astrid Meinberg findet ihr im MMBC und über Astrid Meinbergs Webseite. 

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