In einem großen Medienkonzern ein Team in Vollzeit leiten, eine liebevolle Mutter von zwei Töchtern sein und nebenbei noch anderen Müttern und Unternehmen zu mehr Freude und Produktivität verhelfen: Das alles macht MMBC-Member und Vereinbarkeits Manager/in (IHK) Julia Heile; so gut und scheinbar leicht, dass sie häufig Fragen dazu erhält, was ihr Geheimnis ist. Darum hat Mama Meeting Redakteurin Bianca Dukart ihr ihre womöglich gar nicht so geheime Formel für Vereinbarkeit entlockt:

Julia Heile, Führungskraft in Vollzeit, 2-Fach-Mama,Vereinbarkeitsmanagerin (IHK) und MMBC-Member

Liebe Julia, du bist Mama, Führungskraft und Coachin und du möchtest anderen Müttern beim beruflichen Wiedereinstieg helfen. Erzähl uns gerne in 3-4 Sätzen von dir.

Ich bin ein Machertyp. Manche bezeichnen mich auch als Wildpferd, da ich aller meistens im gestreckten Galopp und großer Freude mein Leben mit Job und Familie genieße. Mit Mann und 2 Kindern, einem Vollzeitjob und einer Teilselbstständigkeit bin ich wohl das, was man gemeinhin „Powerfrau“ nennt. Ich liebe Kommunikation und feiere noch heute, dass ich mich für mein Rhetorikstudium entschieden habe, auch wenn es finanziell ein Desaster war – heute bringt es mir und meinen Kursteilnehmerinnen extrem viel.  Neben der Rhetorik gilt meine Leidenschaft Reisen, New Work, Vereinbarkeit und Empowernment für Frauen im Job, besonders für Mamas, die vor ihrem Wiedereinstieg nach der Elternzeit stehen.

Als Mama bist du bereits nach kurzer Zeit wieder in deinen Beruf eingestiegen und bist nun vollzeittätige Führungskraft. Wie bist Du das angegangen?

Als ich den klassischen Teilzeitweg nach der 1. Elternzeit eingeschlagen hatte war ich sehr unzufrieden. Ich wurde von meinem damaligen Chef einfach nicht ernst genommen und musste mir stets anhören, dass ich mich ja nun um meine Familie zu kümmern habe und mich nicht so in den Job reinhängen solle. Ich verstand die Welt nicht mehr: Erklärt mir mein Chef da wirklich, dass ich die Arbeit nicht so ernst nehmen solle? Ich war sehr unzufrieden und wurde aktiv: Ich informierte mich beim Betriebsrat und einer Rechtsanwältin, wurde unbequem und wechselte letztendlich aus der Abteilung in eine andere – meine eigene. Die Geschäftsführung hatte in mir tatsächlich mehr gesehen als eine „Hobbyfachkraft“ und mir einen komplett neuen Bereich anvertraut. Kurz darauf wurde ich wieder schwanger – und nach 8 Monaten Elternzeit (wieder mit drei Monaten Elternzeitreise, diesmal mit dem Dachzelt durch den Balkan) stieg ich wieder ein. Vollzeit. Warum bei solchen Themen immer ein Bohei gemacht wird ist mir ein Rätsel. Mit klarer Kommunikation zu meinem Chef haben wir uns sehr offen über alle beiderseitige Sorgen und Erwartungen ausgetauscht und auch das gewuppt. Und ja: Diesen Austausch habe ICH eingefordert, da ich mein Privatleben nicht mehr vor meinem Arbeitgeber „verstecken“ wollte, wie das in Deutschland so üblich ist. Das hat unsere Beziehung tatsächlich deutlich verbessert. 

Wann fiel die Entscheidung und wie bist du vorgegangen?"

Und dann war unser zweites Kind das Gegenteil von unserer Großen: Eher introvertiert und gemütlich, statt extrovertierte Partymaus. Also sagten wir den Platz in der Kita wieder ab und suchten eine Tagesmutter, wo er halbtags betreut wurde. Auch hier hieß es für uns planen, über den Haufen werfen und wieder neu angehen:

Wo hast Du Hürden gesehen? Was viel Dir schwer?

Die wohl größte Hürde war für mich diese enorme Wand an Erwartungshaltungen und Vorurteilen, die sich bei meiner ersten Schwangerschaft vor mir auftürmte. Bis dahin hatte ich nie den Eindruck gehabt, dass das Patriarchat so krasse Auswirkungen auf meinen Alltag hatte, doch mit meinem Babybauch wuchs auch mein Unverständnis zur scheinbar vorherrschenden Meinung, was man denn mit Kind alles zu machen hat – und vor allem was nicht.  Ich fühlte mich lange als Gefangene im System, denn das Pekip-, Babyschwimmen- und Krabbelgruppenhopping erfüllte mich weit weniger als ich es mir gewünscht hatte, und den Mamagesprächen ging ich in diesen Runden stehts aus dem Weg. Ich war die, die immer mit den Zwergen auf der Matte tobte, damit ich nicht bei den Lästerrunden der Mitmamas mitmachen musste.

Und wo siehst Du heute noch die Kernprobleme?

Meine Ansicht nach ist das größte Problem, dass in Deutschland von uns Eltern, insbesondere von Müttern, erwartet wird, dass wir uns entscheiden: Kinder? Freies Leben? Karriere? Ich bin mittlerweile der Ansicht, dass Kinder und Arbeit nicht miteinander konkurrieren, sondern beide Teil von mir sind, so wie viele andere Aspekte (z.B. Partnerschaft, Hobby und Freunde) auch. Für mich ist es kein entweder/ oder. Ich bin mir sicher, dass es vielen genau so geht und sie bewusst oder unterbewusst der „Norm“ nicht zustimmen, jedoch keine Akzeptanz für ihre Ansichten bekommen.

Das Thema Vereinbarkeit spielt in deinem Leben eine wichtige Rolle und bist auch zertifizierte Vereinbarkeitsmanagerin. Was sind hierzu deine top 5 Learnings für Eltern?

Liebe Eltern: Ja, es gibt noch viel zu tun. Doch das ist nicht nur Eure Aufgabe. Gesellschaftlich wie politisch und auch wirtschaftlich ist Deutschland in Sachen Vereinbarkeit – sagen wir es mal positiv – noch vieles möglich.

Meine Learnings aus dem Zertifikatslehrgang, als Mama und als Führungskraft sind:

  1. Eltern sind enorm gute Mitarbeitende. In Sachen Selbstorganisation und Fokussierung haben in meinem Team die Eltern mit ihren Elternskills weit die Nase vorn.
  2. Elternskills sind Führungsrelevant! Leadership-Management ist grob herunter gebrochen nichts anderes als seinen Mitarbeitenden zu helfen, ihre Aufgaben selbst zu tun. Kennt ihr irgendwoher, stimmts?
  3. Vereinbarkeit ist sehr viel mehr, als es den Mamas recht machen zu müssen. Der Vorteil unserer Zeit ist es, dass die Arbeitswelt einem enormen Wandel gegenübersteht und sich viele Unternehmen langsam aber sicher aus der Not heraus damit befassen müssen, wie Vereinbarkeit für ihr Unternehmen aussehen könnte.
  4. Hört auf zu Euch runterzumachen! Ja, das ist provokativ, doch ich erlebe immer und immer wieder, dass Eltern in die Opferrolle fallen und die Dinge einfach so akzeptieren wie sie sind. Bei der Gehaltserhöhung „vergessen“ worden? Wieder ein spannendes Projekt nicht ergattert? Hört endlich auf, den Satz „Ich kann ja froh sein, überhaupt einen Job zu haben….“ als Ausrede zu benutzen sondern werde aktiv!
  5. Es ist EGAL, was dein Umfeld sagt. Wenn es für dich und deine Liebsten passt, dann passt das. Wenn nicht, wird angepasst und optimiert. Es wird NICHT AUFGEGEBEN!

Dein Coachingformat spezialisiert sich auf Mütter, die stressfrei den beruflichen Wiedereinstieg planen, aber nicht wissen wie. Dafür bietest Du einen Online-Kurs an. Wie hilft dieser mir?

Ich weiß, dass ich oft als „angsteinflößende Powerfrau“ angesehen werde, weil ich scheinbar so viele Dinge tue. Ganz oft wurde ich gefragt: „Wie machst du das alles eigentlich? So mit Kindern, Karriere und Haushalt?“ Meine Standardantwort war stets: Ich mache es einfach! Ich probiere aus! Ich bin flexibel! Ich gestalte selbst! Und ich fliege sehr oft auf die Nase. Wirklich sehr oft. Genau dieses Wissen gebe ich in meinem Kurs weiter: In 8 Wochen lernen die Kursteilnehmerinnen, welche Rechte und Fristen es einzuhalten gilt, welche Arbeitszeitmodelle es gibt, wie sie herausfinden, welches Vereinbarkeitsmodell zu ihnen passt, wie die Alltagsorganisation aussehen kann und vor allem, wie sie sowohl beruflich als auch privat so klar in die Kommunikation gehen können, dass sie sich nicht unter Wert verkaufen. Denn das ist definitiv für die Meisten die größte Baustelle: Gleich im Wiedereinstiegsgespräch souverän auftreten und in die Kommunikation gehen.

Als Führungskraft hast du dich in Deinem Unternehmen mit dem Thema Vereinbarkeit auseinandergesetzt. Was war der Fokus Deines Vereinbarkeitskonzepts und wie läuft die Umsetzung?"

Durch den Zertifikatslehrgang zur Vereinbarkeitsmanagerin (IHK) habe ich tatsächlich ein so viel breiteres Spektrum kennen gelernt, das weit über die Möglichkeiten von Elternförderung hinaus geht. Ich habe in meinem Unternehmen (Medienbranche) meine Abschlussarbeit des Lehrgangs vorgestellt und dabei gezielt die aktuellen und deutlich spürbaren Herausforderungen des Unternehmens hervorgehoben: Junge Talente wandern wegen der Arbeitszeiten ab, die überalterte Belegschaft muss Partner oder Eltern pflegen und das Team ist alles andere als divers. Ich habe im täglichen Meeting jeden Tag immer ein aktuelles Vereinbarkeits-Thema aus dem Unternehmen angesprochen, also quasi Micro-Lobbyismus betrieben. Mit Erfolg: Das Thema ist für dieses Jahr zu einem eigenständigen Projekt geworden und ich bin guter Dinge, dass das Betriebsklima davon deutlich profitieren wird.

Und noch einmal ganz in Kürze:

Was ist für dich das Besondere am Muttersein? 
Grenzenlose Bedingungslosigkeit in allen Facetten. Seit ich Mutter bin gibt es entweder ganz oder gar nicht und gleichzeitig alles in maximaler Flexibilität.

Was war deine größte Herausforderung beim Mutter-Werden?

Definitiv der Clash zwischen der (scheinbar vorherrschenden) Meinung der anderen und meiner eigenen Intuition als Mama.
Für nahezu alles wird man als Mama zur Rede und Rechtfertigung an den Pranger gestellt.

Was ist deine größte Herausforderung beim Mutter-Sein?
Nicht die Mutterrolle anzunehmen, sondern die Tatsache, dass ich (total gerne!) Mutter bin, als einen Teil von viiiiielen meiner Eigen- und Leidenschaften zu akzeptieren.

Was machst du, wenn du nicht gerade deiner Mutter-Rolle nachkommst?
Ich helfe Mamas nach ihrer Elternzeit wieder erfolgreich in den Job zu starten und helfe Unternehmen dabei, die Herausforderungen an das große Thema Vereinbarkeit gewinnbringend umzusetzen. Außerdem liebe ich die Natur, Burgen, lesen und vor allem das Internet.

Vielen Dank für das spannende Gespräch! Mehr zu Julia findest Du im MMBC sowie auf ihrer Webseite workwifebalance.de

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