„Du dachtest doch nicht wirklich jemals, dass Deutschland familienfreundlich ist?“, fragt mich eine Freundin mit einem Unterton, als hätte ich ihr gerade offenbart, dass ich noch an den Weihnachtsmann glaubte. Wir sprechen nicht über Weihnachten, sondern die Situation von Familien im Sommer 2020. #Coronaeltern

Sonderzahlung für Eltern wird nicht verlängert

Gerade wurde bekannt, dass die Bundesregierung nicht vor hat die Sonderzahlungen für Familien während der Corona-Krise fortzusetzen. Problematisch ist dabei die symbolische Kraft dieses politischen Neins. Ein großer Teil der berufstätigen Familien hatte sowieso keine Chance auf die Sonderzahlungen, die nur für maximal sechs Wochen mit einer Höhe von 2014 Euro möglich waren. Denn wer einen Job hat, der im Home Office möglich ist, der ist raus bei dieser Corona-Entschädigung. „Es wird sich also kaum jemand über die Einstellung der Zahlungen beschweren“, dachte sich darum wohl die Bundesregierung. Holy Shit, DOCH! Denn in Kombination mit so vielem Anderen, das in den letzten Wochen gerade und insbesondere für berufstätigen Mamas super uncool war, ist das der finale Tritt in die Eierstöcke!

Die Chance mal ausnahmsweise keine Rabenmutter zu sein!

Katharina Mahrt, Initiatorin eines Aufrufs für ein Corona-Elterngeld, hat diesen Tritt im Fernsehen zu spüren bekommen. Als sie im RBB die Chance erhielt ihren Vorschlag in die Diskussion einzubringen, haute ihr Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach nicht nur eine Absage zur Idee um die Ohren, sondern noch ein fettes Klischée. Kinder seien keine Wirtschaftsfaktoren und Eltern sollten die Zeit jetzt doch mal nutzen, um ihre Kinder richtig kennenzulernen.

Wir fangen mit der persönlichen Beleidigung an: Wenn Eltern, jetzt erst Zeit bekommen hätten ihre Kinder kennenzulernen, dann hieße das ja: Vor Corona haben berufstätige Eltern ihre Kinder nicht gekannt, also vernachlässigt. Hallo Rabenmutter-Schublade, geh wieder zu! Studien haben längst bewiesen, dass gerade das nicht der Fall ist. Kinder mögen es sogar, wenn Mama und Papa durch ihre Arbeit so coole Sachen wie ein warmes Bett und drei Mahlzeiten am Tag finanzieren können.

Dann die Sache mit dem Wirtschaftsfaktor. Believe it or not, Kinder SIND Wirtschaftsfaktoren. Zum einen zahlen sie irgendwann Renten, zum anderen gibt es eine riesige Wirtschaft rund um Bildungsausstattung bis zu Freizeitindustrie, die von Kindern abhängig ist. Und dann der verrückte Fakt, dass Eltern ja in Unternehmen arbeiten, die ja auch vielleicht, irgendwie so ein kleines bisschen was mit der Wirtschaft zu tun haben. Hömm…

Muttertagsmenü mit üblem Beigeschmack aus dem Gesundheitsministerium

Dass die Männer, die in der gegenwärtigen Politik tätig sind, keine Ahnung davon haben, was es bedeutet eine moderne berufstätige Mutter zu sein, zeigte zeitgleich zur Diskussion um das Corona-Elterngeld das Muttertagsvideo des Gesundheitsministeriums. Mama kocht jetzt immer Spagetti und ist ganz viel zu Hause und das finden die Kinder super, so die Message des Films. Die Realität in der Mama eine Führungsposition oder erfolgreiche Selbstständigkeit bekleidet, in der die nicht nur personelle sondern auch finanzielle Verantwortung trägt, ist ausgespart. Dabei sind moderne Moms oft schon allein durch das Alter in dem sie Kinder bekommen (Mitte dreißig) etablierte Professionals in ihren Bereichen.

Warum wollen die denn überhaupt Geld, die haben doch schon einen Vertrauensvorschuss!

Doch, dass Eltern gerade nicht wie erwachsene Individuen behandelt werden, die vernünftige Entscheidungen treffen können, hört man nicht nur in der Diskussion in Brandenburg heraus. Zur Öffnung der Spielplätze in Köln appellierte Oberbürgermeisterin Henriette Reker, dass Eltern „umsichtig mit diesem Vertrauensvorschuss“ umgehen sollten. Umsichtig erhoben sich auf Instagram die Mittelfinger der Insta-Moms. Eltern werden in dieser Krise wie unberechenbare Kleinkinder behandelt. Man muss die Eltern vor sich selbst schützen, immer wieder ermahnen und geht im Grunde ja davon aus, dass sie irgendeinen gefährlichen Quatsch machen werden, wenn man mal nicht hinschaut. Darum kann man die Sonderzahlungen für Eltern während er Corona-Krise wohl auch nicht verlängern. Wer weiß, was die Eltern mit dem Kind anstellen? Am Ende bezahlen die davon noch ihre Mieten!

Wir würden ja auf die Straße gehen, doch sind leider zu vernünftig

Und diese Haltung, dieses „die Gesundheit steht über der Familie“, wirft Eltern in ein Dilemma. Denn wollten wir gerade auf die Straße gehen, um für unsere Würde zu demonstrieren, so würden wir den Polizeikräften Recht geben, die uns fragten: „Seid’s ihr denn deppert, mit euren Kindern, hier neben den Radikalen und Bekloppten unter so vielen Menschen rumzulaufen?“ Ja, es wäre keine gute Idee öffentlich zu demonstrieren; weder für den Einzelnen, der sich dann einem gesundheitlichen Risiko aussetzt, noch für alle Eltern, denen man das Bild zukünftig vorhalten würde, um die Verantwortungslosigkeit zu belegen.

Fußball und Konsum zuerst! Frauen und Kinder zuletzt!

Im Gegensatz zur produzierenden Industrie und Fußball haben Eltern kein Druckmittel. „Dann stellen wir unsere Kinder halt im Ausland her!“ „Und denkt doch an die Steuergelder, die ihr verliert, wenn unsere Jungs und Mädels, nicht spielen!“ Kinder zu bekommen und sie zu vernünftigen Erwachsenen heranzuziehen ist halt reines privates Entertainment, ein Hobby. Achja und all die Frauen, die auch Mamas sind, und in Unternehmen Geld reinbringen, die 2019 noch wegen des Fachkräftemangels mit Betriebskitas und flexiblen Arbeitszeiten umworben worden, die machen das ja auch nur um ein paartausend Euro zur Familienkasse beizusteuern. Das fühlt sich für die Frauen einfach mal nett an, wenn sie sich die neue Küchenmaschine von „ihrem“ Geld kaufen konnte, oder das Auto, oder das Haus. Ernsthaft, Madame eh Monsieur Bundesregierung, man kann mit Eltern auch einfach respektvoll und auf Augenhöhe reden. Ihr wärt überrascht, was für gute Sachen dabei rauskommen!

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