Bleiche trinken gegen Corona. Endlich schwanger werden durch Nahrungsergänzungsmittel. Miley Cyrus nach Überdosis tot in Badewanne gefunden und Michelle hat Obama betrogen. Im Minutentakt fliegen neue Meldungen auf unseren Monitoren ein. Nicht immer sind sie wahr. Wie man Fake News entdeckt, enttarnt, welchen Schaden sie anrichten können und warum wir so anfällig für die Falschmeldungen sind, erklärt uns Wissenschaftsjournalistin Verena Tang. Für sie gehört der Faktencheck zum Alltag, wie der Kaffee am Morgen und Verena sagt: Jeder kann Fake News erkennen, wenn man weiß wie. Im Interview gibt sie darum konkrete Tipps.

Ist Fake News einfach nur das englische Wort für Zeitungsente oder steckt da mehr in diesem Begriff?

Fake News sind Falschnachrichten, die absichtlich verbreitet werden – also gezielte Desinformation. Dahinter steckt meist eine politische oder wirtschaftliche Agenda: Jemand will die nächste Wahl gewinnen, die Stimmung im Land in eine bestimmte Richtung anheizen oder ein Produkt verkaufen.

Gibt es Bereiche/Orte, wo wir mehr mit Fake News konfrontiert sind als anderswo? Wie kommt das?

Zurzeit fallen mir natürlich besonders Falschnachrichten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie auf. Das fängt bei der Whatsapp-Nachricht an, die angeblich erklärt, welche Symptome tatsächlich auf die Erkrankung hindeuten, und geht bis zur Behauptung, das Virus gebe es nicht. Ganze Verschwörungsmythen haben sich mittlerweile um die Krankheit gesponnen, so absurd sie auch klingen.

Oft erklärt man den Glauben an solche Ideen mit der Sehnsucht nach einfachen Antworten. Die Pandemie ist bedrohlich, komplex – alle, die wir heute leben, haben so etwas noch nie erlebt. Und es ist unbefriedigend, dauernd zu hören: Wir wissen nicht, wie sich das Virus verhält, wissenschaftliche Erkenntnisse ändern sich laufend, wir müssen abwarten. Da ist es doch viel einfacher, das Ganze als Lüge abzutun.

Thema Quellenkompetenz: Wie erkenne ich eine vertrauenswürdige Quelle?

Manche Webseiten schreien geradezu nach Fake News: Sie sind stümperhaft designt, nirgendwo steht, wer für den Inhalt verantwortlich ist, die Kontaktadresse liegt auf den Seychellen und die Texte strotzen vor Fehlern. Aber es gibt auch sehr professionell geführte Fake-News-Schleudern, die seriös daherkommen und nicht so leicht zu erkennen sind.

Man kann sich ein paar Fragen stellen:

Wer steht hinter der Quelle? Kann ich nachvollziehen, welche Personen verantwortlich sind – etwa über ein Impressum (in Deutschland übrigens Pflicht)? Diese Leute kann ich wiederum recherchieren und so herausfinden, ob sie seriös sind, welchen Hintergrund oder welche Ausbildung sie haben. Manche angeblich seriöse Nachrichtenportale verweisen zum Beispiel darauf, dass „renommierte Journalisten“ die Artikel verfassen. Deren Namen kann ich wiederum recherchieren und herausfinden, was sie so schreiben und für welche Medien. Werden keine Namen genannt – Vorsicht. Und ist der zitierte „Viren-Experte“ wirklich ein solcher?

Wichtig ist aber auch: Auf welche Quellen verweisen aufgeführte Links? Sind die besonders einseitig, werde ich misstrauisch. Ebenso, wenn ich auf einer Seite permanent zu Aktionen aufgerufen werde oder zu Spenden.

Und schließlich ist wichtig, ob die Betreiber einer Seite ihre Intention offenlegen. Handelt es sich wirklich um eine unabhängige Nachrichtenseite? Oder stecken bestimmte Parteien oder Gruppierungen dahinter, ohne das deutlich zu machen?

Du als Wissenschaftsjournalistin bist ja regelmäßig mit Forschern und Wissenschaftlern im Gespräch, bekommst Studien vorab vorgelegt und hast Zugriff auf wissenschaftliche Datenbanken. Welche Möglichkeit habe ich außerhalb der Science-Community, um Aussagen zu überprüfen? Wie gehe ich vor?

Klar, wenn ich eine komplexe wissenschaftliche Fragestellung habe, dann muss ich als Journalistin mit jemandem sprechen, der sich auf dem Gebiet auskennt. Diese Möglichkeit hat natürlich nicht jeder. Aber ein paar Dinge kann man selbst checken:

Zum einen hilft es zu schauen, ob eine Info nur auf einem bestimmten Portal gestreut wird oder ob verschiedene Quellen unabhängig voneinander darüber berichten. Letzteres wäre ein Indiz dafür, dass die Nachricht eher glaubwürdig ist.

Dann ist es wichtig zu prüfen, ob Behauptungen belegt sind. Lese ich nur eine Aussage, etwa: „Die Zahl der Covid-Fälle stagniert seit Mai“? Oder gibt der Text dazu eine Quelle an, am besten direkt nachvollziehbar: „Laut RKI/in einer Studie vom Juni 2020/sagte uns Person XY“. Die kann ich im Idealfall schnell finden, und im allerallerbesten Fall ist sie auch noch verlinkt, so dass ich die Originalquelle ansehen und mir selbst ein Bild machen kann. Und auch, wenn die Quelle nicht direkt angegeben ist: Die zentralen Behauptungen, auf die sich eine Meldung stützt, sollte man verifizieren können, sonst ist Skepsis angesagt.

Schließlich kann man sich die Frage stellen, woher die Info kommt. Spricht oder schreibt da jemand, der sich mit dem Thema auskennt, und dem ich vertrauen kann? Ist das jemand, der unabhängig recherchiert, oder gehört er oder sie einer Gruppierung mit einer bestimmten Intention an? Wird ein „Experte“ zitiert, kann man dessen wissenschaftliche Expertise selbst prüfen, zum Beispiel, indem in Datenbanken wie Scopus nach deren Publikationen sucht. Das kann jeder machen, dazu muss man kein Journalist sein.

Abgesehen davon empfehle ich zwei Portale, um Fake News von News zu unterscheiden: Unter correctiv.org überprüft ein Team freier Journalistinnen und Journalisten sehr gründlich und transparent täglich Nachrichten zu aktuellen Themen. Dort findet man auch weitere Tipps, wie man falsche Informationen entlarvt und vertrauenswürdige Quellen identifiziert. Das Science Media Center wiederum liefert regelmäßig Updates zu Meldungen aus der Wissenschaft und lässt aktuelle Studien, die durch die Medien gehen, von Experten einschätzen. Derzeit gibt es dort sogar ein tägliches Corona-Update. Beide Seiten geben eine gute Orientierung, welche Nachrichten und Quellen verlässlich sind und wo Vorsicht geboten ist.

Gibt es Muster oder sogar bestimmte Formulierungen, bei denen ich misstrauisch werden sollte?

Alarmglocken gehen bei mir an, wenn ein Portal einseitig berichtet oder zu Aktionismus aufruft. Bei Panikmache oder Drohungen à la „Schicke diese Nachricht sofort an alle deine Freunde!!!“. Das klingt doch stark nach den Kettenbriefen von früher: „Wenn du diesen Brief nicht innerhalb von 3 Tagen weiterleitest, hast du sieben Jahre lang schlechten Sex!“ Na ja, ist auch nie so passiert, oder?

Aber es gibt auch sprachliche Tricks, die unterschwellig wirken. Manch eine Argumentation oder ein Text klingt zunächst logisch, aber wenn ich ihn aufmerksam lese, merke ich, dass wahllos Behauptungen aneinandergereiht und sprachlich geschickt verknüpft werden, die nichts miteinander zu tun haben. Aufmerksam bleiben und kritisch lesen hilft, sich nicht dadurch täuschen zu lassen.  

Muss ich jetzt bei JEDER Nachricht erst einen kompletten Faktencheck machen?

Nein, das kann ja niemand leisten. Im Alltag haben wir gelernt, wem wir vertrauen können – und wenn wir eine neue Person kennenlernen, müssen wir erst einmal herausfinden, ob sie vertrauenswürdig ist. Genauso ist es mit Medien oder Portalen. Wenn man auf eine neue Seite, einen neuen YouTube-Kanal stößt: Erst einmal checken, ob die Menschen, die dahinter stehen, unser Vertrauen verdient haben. Vielleicht das Ganze eine Weile beobachten. So baut man sich nach und nach ein Repertoire an guten Nachrichtenkanälen auf. Und auch da lohnt es sich, immer wieder kritisch drauf schauen.

Es hilft auch zu wissen, welche Journalisten oder Wissenschaftler zu einem Thema schon seit langer Zeit berichten oder forschen. Dazu, sich an solche vertrauenswürdigen Quellen zu halten, rät auch der Fake-News-Experte Carl Bergström, der übrigens in einem Interview noch viel mehr Tipps gibt, wie man an verlässliche Informationen kommt.

Würdest Du sagen, dass Fake News „gefährlich“ sind?

Ja. Auf jeden Fall. Nehmen wir noch einmal Falschinformationen in Bezug auf die Corona-Pandemie: Weil Menschen durch falsche Behauptungen zum Beispiel gefährliche Substanzen zu sich genommen haben, sind bereits hunderte weltweit gestorben, tausende mussten im Krankenhaus behandelt werden. Das haben amerikanische Wissenschaftler Anfang August ermittelt. Das Ganze hat aber noch eine weitere Dimension. Fake News zum Thema Covid19 sind keine harmlosen, zufällig gestreuten Geschichtchen. Dahinter steckt ein inzwischen weit verzweigtes politisches Netzwerk. Die Rechercheplattform Correctiv.org hat das Ganze in einem sehr lesenswerten Artikel aufgearbeitet („Im Netz der Corona-Gegner”).

Desinformation ist immer gefährlich. Falschinformationen setzen sich in den Köpfen fest, bestimmen die öffentliche Meinung. Im November ist Präsidentschaftswahl in den USA, da werden wir in den nächsten Wochen sicherlich wieder viele Falschnachrichten hören und lesen.

Letztlich schürt jede Art von Desinformation langsam, aber sicher Zweifel: Sie schwächt das Vertrauen in die Politik und in die Demokratie, in wirklich unabhängige Medien oder in die Wissenschaft. So zerfrisst sie langsam die Basis, auf der wir zusammenleben.

Es gibt aber auch Fake News, die gleich konkret Schaden anrichten, und zwar im medizinischen Bereich. Nehme ich das angebliche Wundermittel, um meine Krebserkrankung zu heilen – statt eine Chemotherapie zu machen? Falsche Versprechungen für unwirksame Medikamente sind ein richtig makabres Beispiel, wie Menschen mit der Angst anderer Geld machen.

Um nicht an die falschen Informationsquellen zu gelangen, hilft es, kritisch zu bleiben: Woher kommt eine Nachricht? Kann ich sie verifizieren? Ist das wirklich logisch? Und dann ist auch wichtig, solche Falschaussagen eben nicht weiterzuverbreiten. Fake News leben von der Aufmerksamkeit.

Immer wieder stößt man, gerade in Social Media, auf Menschen, die die Fake News glauben und sogar weiterverbreiten. Checken die es einfach nicht, oder was ist da los?

Ich glaube, so einfach ist es nicht. Manchmal reicht ein gewisses Misstrauen gegenüber den „etablierten Medien“. Das kann der Einstieg in die Community sein. Genau mit diesem Image spielen die Verfasser der Falschinfos: „Wir sagen, was sich sonst niemand traut. Wir sind die einzigen, bei denen man die Wahrheit lesen kann, weil alle anderen zensiert werden.“ Das sind klassische Formulierungen.

Ein anderer Faktor, um noch einmal auf Medikamente zurückzukommen, ist Angst. Wenn zum Beispiel mein Kind eine seltene Krankheit hat, finde ich im Netz leider sehr viel vermeintliche Hilfe. Bin ich verzweifelt genug, greife ich mir irgendwann den letzten Strohhalm, irgendeine angebliche Therapie oder ein Mittel, das jemand geschickt vermarktet, weil er genau auf diese Verzweiflung setzt.

Wenn mir jemand aus dem Bekanntenkreis mit einer Behauptung kommt, bei der ich denke: „Wie absurd“, und das am liebsten so entgegnen würde, sollte ich erst mal tief durchatmen und Person sowie Nachricht ernst nehmen. Dann kann man gemeinsam erörtern, warum die News unlogisch oder falsch ist. Jeder ist schon mal einem Irrglauben oder einer Lüge aufgesessen, deshalb will man nicht gleich als Idiot hingestellt werden. Und, mal ehrlich, viele Fragen sind eben komplex, und man kann niemandem vorwerfen, nicht Experte für alles zu sein.

Wenn jemand bereits in einer Verschwörungsideologie verhaftet ist, hilft aber vermutlich selbst die sachlichste Auseinandersetzung nichts, weil ein Verschwörungsmythos mit einer geschlossenen Argumentation arbeitet: Alle Einwände von außen sind entweder gekauft, von mächtigen Konzernen/Regierungen gestreut oder aus sonst einem Grund wertlos. Wer sich mit diesem Thema näher beschäftigen will, dem empfehle ich den Blog des Religionswissenschaftlers Michael Blume.

Und jetzt bitte noch Deine Top bzw. Flop 3 der schlimmsten Fake News, die Du gehört/gelesen hast:

Ein krasses aktuelles Beispiel ist das angebliche „Medikament“ MMS. Das ist Chlorbleiche, wird aber als Wundermittel gegen alles von Alzheimer bis – natürlich – Covid19 angepriesen. Ganz heftig finde ich die Empfehlung, Eltern sollten das Zeug ihren autistischen Kindern verabreichen. Wenn ihr so was hört: Lauft schnell und weit weg! Die Youtuberin und Wissenschaftsjournalistin Mai-Thi Nguyen-Kim erklärt in diesem Video sehr anschaulich, was es mit MMS auf sich hat und warum es so gefährlich ist.

Die ganze „Corona-gibt-es-nicht“-Geschichte wiederum macht mir auf anderer Ebene Sorgen. Hier gefährden Menschen nicht nur sich selbst durch ihr Verhalten, sondern uns alle mit. Die Verbindung von Wissenschaftsleugnung, Hass auf die Politik und den ungenierten Schulterschluss mit rechtsextremen Strömungen finde ich ganz besonders beunruhigend.

Außerdem erinnere ich mich an eine krude Meldung, die letztes Jahr in den sozialen Medien kursierte. Die Kurzfassung: Der vermisste Daniel Küblböck lebt noch, und zwar als Carola Rackete. Ich weiß nicht, wer sich solchen Unsinn ausdenkt, aber es gehört ja schon recht viel Vorstellungsvermögen dazu.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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