Kann man Kanban-Boards für Vereinbarkeitskonzepte nutzen? Wie funktioniert Scrum genau und was passiert, wenn eine Expertin für agile Prozesse Vereinbarkeits Managerin (IHK) wird? MMBC-Member Sophia Koenig vereint in ihrem Job und ihrer Person moderne Projektmethoden mit dem Know-How um flexible Arbeitsmodelle und individuelle Lebensmodelle unterschiedlicher Zielgruppen. Wie das genau aussieht, dazu erzählt Sophia mehr im Interview:

Sophia Koenig, Scrum Masterin & Vereinbarkeits Managerin (IHK)

Du bist u.a. Scrum Master in einer Digitalagentur. Kannst du uns etwas über deinen Job erzählen und wie deine Projekte so aussehen? Was liebst du an deiner Tätigkeit?

In der Digitalagentur, in der ich beschäftigt bin, überarbeiten oder entwickeln wir größtenteils Websites. Scrum ist eine Vorgehensweise aus der Softwareentwicklung, die inzwischen auch in der Produktentwicklung angewendet wird. Dabei organisieren sich interdisziplinäre Teams selbst, wodurch sie flexibler sind und schneller auf Änderungen reagieren können. Als Scrum Master besetze ich eine Rolle innerhalb dieses Frameworks. Und damit bin ich verantwortlich für die Implementierung und Lehre von Scrum im Umsetzungsteam. Ich achte darauf, dass alle die „Spielregeln“ verstehen und einhalten. Ich unterstütze jeden einzelnen des Teams und schaffe gute Arbeitsbedingungen, damit sie ungehindert arbeiten können. Zudem organisiere und moderiere ich die sogenannten „Scrum Events“.

Ich weiß besonders den engen Kontakt zum Team und die Rolle als Vertraute und Coach zu schätzen. Zu erleben, wie wir gemeinsam im Projekt stetig besser werden und das Team zufrieden ist, erfüllt mich mit Freude und Stolz.

Als Scrum Master und Projektmanagerin arbeitest du mit vielen unterschiedlichen Teams, in diesem Fall im Bereich digitale Medien, und musst dich daher auf unterschiedliche Menschentypen und Arbeitskulturen einlassen. Zudem ist die Arbeit mit viel Organisieren und Kommunikation verbunden. Wie genau gelingt dir das, gerade mit dem Hintergrund des Scrum Masters und deinen Erfahrungen als Projektmanagerin?

Derzeit arbeite ich ca. 50/50 als Scrum Master und Projektmanagerin im agilen Arbeitsumfeld. Ich kann meine Erfahrungen aus beiden Rollen für die jeweils andere nutzen und kann dadurch beide besser ausführen. Das Organisieren war für mich noch nie eine große Herausforderung, daher lag der Beruf der Projektmanagerin wahrscheinlich auch nahe 😉 Hilfreich sind aber immer ein gut strukturiertes Postfach, Kalendereinträge und Projektmanagement Tools bzw. Aufgaben-Verwaltungs-Boards. Das Scrum Framework gibt vor, in einem Scrum Board zu arbeiten. Darin werden Aufgaben in sogenannten Tickets erstellt. Das Ticket wird der Person zugewiesen, die daran arbeitet und es durchläuft verschiedene Phasen: z.B. von der Bearbeitung, über Qualitätssicherung, zur Implementierung. Dieser Prozess standardisiert die Arbeitsweise ein wenig und erleichtert die Zusammenarbeit und Orientierung im Projekt.

 

Die Retrospektive ist das Herzstück der zuvor erwähnten Scrum Events. Wir nehmen uns hier die Zeit, uns gemeinsam in einem sicheren „Raum“ besser kennenzulernen und unsere Zusammenarbeit zu begutachten. Befindlichkeiten, Bedenken und Wünsche können hier frei mit dem Team geteilt werden. Wir sind immer Menschen und nicht nur Arbeitende. Und wenn alle im Team das Gefühl haben, sie werden mit ihren Unterschieden gesehen und wertgeschätzt, hat das positive Auswirkungen auf das Team, die Zusammenarbeit und Produktivität. In der Retrospektive feiern wir außerdem unsere Erfolge und decken Hindernisse oder Konflikte auf, damit wir sie aus dem Weg räumen und aus ihnen lernen können. So wachsen wir als Team und werden besser und schneller in unserer Arbeit. 

Nun hast du noch die Weiterbildung zur Vereinbarkeitsmanagerin absolviert. Kannst du für dich jetzt schon sagen, wie weit die Inhalte der Ausbildung deine Arbeit in Teams und im Projektmanagement beeinflussen werden?

Die Weiterbildung zur Vereinbarkeitsmanagerin hat mich in vielerlei Hinsicht weitergebracht. Bezüglich meiner Arbeit hat sie mich dafür sensibilisiert, dass jedes Teammitglied versucht auf ihre Art und Weise Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Und dass dies immer Einfluss auf die (Zusammen-) Arbeit hat. 

Es hat mir außerdem Weitblick verliehen und ich betrachte unser Unternehmen aus einem anderen Blickwinkel. Damit kann ich z.B. Impulse für unsere internen Marketing- oder Recruitingprojekte liefern.

Kannst du für dich behaupten, dass dir dein Wissen und deine Erfahrung aus Projektmanagement und Scrum Vorteile in familiären Vereinbarkeitsthemen bieten? Bzw. Was können wir aus Scrum und PM für unser Privatleben hinsichtlich Vereinbarkeit lernen?

Da ich das so bisher nicht betrachtet habe, ist das eine sehr spannende Frage für mich. Ich denke, meine organisatorischen Fähigkeiten haben ganz sicher Vorteile im Familienleben. Da denke ich z.B. an Urlaubspacklisten, den Einkauf, Tagesabläufe etc. Der Nachteil dabei: Da mir die Organisation leichter von der Hand geht, übernehme ich oft selbstverständlich diese Aufgaben – und das sind bekanntermaßen nicht wenige 😉 Das heißt wir müssen aufpassen, dass mein Mental Load nicht überhand nimmt, nur, weil es mir leichter fällt zu planen.

Darüber hinaus sehe ich sehr viele Parallelen im agilen Projektmanagement und dem Leben mit der Familie und insbesondere mit einem Kleinkind. Der Tag verläuft wesentlich entspannter, wenn man Agilität leben kann: Man verfolgt ein grobes Ziel und kann auf dem Weg flexibel auf Situationen reagieren. Die Umstände müssen das natürlich zulassen und man muss die Fähigkeit besitzen, Veränderung zu erkennen und zu akzeptieren. 

Und eine Art von Retrospektive führen wir wahrscheinlich häufig auch z.B. im Umgang mit unseren Kindern oder mit dem oder der Partner*in durch. Wir schauen uns an, wie eine Situation gelaufen ist und was wir daran gut und nicht so gut fanden. In einer herausfordernden Phase könnte man die Retrospektive auch alle paar Wochen ganz konkret mit der Familie abhalten: Gemeinsam Zeit füreinander nehmen, die vergangenen Wochen reflektieren, das Gute loben und für das weniger gute Lösungen vorschlagen. Beim nächsten Mal schaut man dann, ob die Lösungsideen umgesetzt werden konnten und ob es dadurch besser gelaufen ist. Vielleicht probiere ich das auch mal aus 😉 

Eine Anekdote habe ich noch zu deiner Frage: Meine Schwester lud mich zu ihrem Geburtstag ein. Dabei sollten ca. 10 Personen zusammen kommen, die sich untereinander nicht kannten. Um Langweile zu vermeiden, bat sie alle darum, etwas Kreatives für 3-5 Minuten vorzutragen – ein Lied, Gedicht etc. Das ist nichts für mich 😀 Also überlegte ich, wie ich die Sache elegant umgehen könnte. Als Scrum Master nutze ich häufig Methoden oder Spiele, damit sich das Team kennenlernt und zusammenfindet. Die Geburtstagstruppe war im Grunde auch ein Team und ich ließ sie daher in drei Gruppen die Marshmallow Challange antreten. Spiel, Spaß und Spannung sorgen immer für eine lustige Atmosphäre, Kontakthemmungen haben sich aufgelöst, Unbekannte wurden zu Verbündeten und wir hatten einen tollen Abend. 

Warum hast du dich für den Lehrgang zur Vereinbarkeitsmanagerin entschieden?

Ich weiß, dass der Beruf als Projektmanagerin und Scrum Master nicht derjenige ist, mit dem ich alt werden möchte. Mein Wunsch ist es beratend tätig zu sein, Einfluss zu nehmen auf organisatorische Strukturen und Prozesse, durch die ich die Arbeitsbedingungen verbessern kann. Ich habe mir von der Weiterbildung erhofft, dass sie mir Wissen und Ideen vermittelt. Dass sie mir eine Richtung aufzeigt, wohin meine Reise gehen kann und Türen öffnet. Und das hat sie 😊

 

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