Teilzeit statt Steinzeit!

Dieser Gastbeitrag ist von Kerstin Stöver,  freiberufliche Unternehmensberaterin und Expertin für individuelle Arbeitsmodelle und Teilzeit-Führung.

 

Warum Mütter auch in Teilzeit erfolgreich führen können und warum genau das so wichtig ist.

Seien wir mal ehrlich, sobald Frauen in der Firma verkünden, dass sie schwanger sind, ist häufig die verantwortungsvolle Führungsposition passé. Die einflussreiche Aufgabe ist nach Rückkehr aus der Elternzeit meist nicht mehr zu erreichen und auch sonst ist der Weg auf der Karriereleiter erst einmal vorbei. Auch heute bedeutet Teilzeitarbeit häufig den Karriereknick.

In meinen Augen ist dies nicht nur völlig veraltet, sondern aus unternehmerischer Sicht sogar fatal. Aber der Reihe nach…

Die Gesellschaft durchlebt einen permanenten Wandel, doch auf beruflicher Ebene wird dieser auffallend langsamer vollzogen als im Privatleben. Eine Leistungsgesellschaft wird durch eine Wissensgesellschaft abgelöst, junge AkademikerInnen sehen den Sinn des Lebens nicht mehr ausschließlich in der Arbeit, sondern in dem Zusammenspiel von Arbeit, Familie und Gesundheit. Bisher haben nur wenige Unternehmen in Deutschland diesen Trend in der Arbeitswelt beobachtet und erkannt, dass Teilzeitführungskräfte und -mitarbeiter durchaus Verantwortung übernehmen können und auch wollen.

Es ist also Zeit zum Umdenken! Lasst Mütter (und auch Väter) endlich in Teilzeit führen und seid gespannt auf die grandiosen Ergebnisse!

Gesundheit als Schlüssel zum Erfolg

Für mich persönlich ist die körperliche und geistige Gesundheit eines Mitarbeiters das höchste Gut und sollte sowohl durch den Mitarbeiter selbst als auch durch seinen Arbeitgeber geschützt werden. Ich weiß, das mag naiv klingen und ist in einigen Branchen nicht gegeben, dennoch heißt das ja noch lange nicht, dass das richtig ist. Mütter sind durch die doppelte Belastung besonders gefordert. Vollzeitjob, Kinder in der Betreuung, das hat sich die ein oder andere Workingmum auch anders vorgestellt. Durch Teilzeitführungspositionen können Mütter sich weiterhin auf der Arbeit austoben, haben dennoch genügend Zeit für den eigenen Nachwuchs (der wird es übrigens danken, dass auch Zeit genug für ihn bleibt!), sind ausgeglichener und können sich abends stolz auf die Schulter klopfen, ohne dass sie dabei vor Erschöpfung umfallen.

Hätte hätte Fahrradkette – Die Motivation

Ähnlich wie mit der Gesundheit verhält es sich auch mit der Motivation. Für Mütter ist es unfassbar demotivierend, wenn sie – allein aufgrund der Tatsache, dass sie ein Kind bekommen haben, plötzlich wie andere Menschen behandelt werden und das nicht im positiven Sinne. Dabei sind Mütter (und auch Väter) dankbar für jede Chance und jedes Entgegenkommen seitens des Arbeitgebers. Warum können sie sich nicht einfach mal beweisen? Wenn es schief geht, haben wir herausgefunden, dass es so nicht funktioniert, aber dann können Lösungen gefunden werden. Wenn wir es aber niemals probiert haben, wissen wir auch nicht, was uns entgangen ist! Während meines Studiums habe ich diverse Interviews mit Führungskräften und leitenden Angestellten geführt. Dabei habe ich auch mit einigen Müttern gesprochen, entweder weil sie selbst in Teilzeit führen oder weil sie unfreiwillig in Vollzeit arbeiten, da sonst der Job weg wäre. Mütter gaben dabei fast ausschließlich an, dass sie als eine der größten positiven Begleiterscheinungen in der Teilzeit-Führung die zunehmende Motivation und Flexibilität schätzen und schätzen würden. Die Dankbarkeit für die flexible Arbeitsmöglichkeit und der Gedanke im Hinterkopf, dass nach dem Büro noch genügend Zeit für den Nachwuchs bleibt, motiviert enorm.

Flexiblere Stellenausschreibung? Größerer Personalzugang!

Wer in Teilzeit führen lässt, hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen: Er hat mehr Personal zur Verfügung. Es bewerben sich eben nicht nur die klassischen 40 Std. Kräfte, sondern das Unternehmen erreicht auch Mütter und Väter, die 20, 25 und oder 30 Stunden zur Verfügung haben UND glaubt mir, Mütter sind wahre Organisationstalente! (Sorry Jungs, hier führen die Mädels einfach häufig.)

Wer beispielsweise bereit ist, Mütter nach der Elternzeit wiedereinzustellen, wird sehen, dass er Logistikprofis beschäftigt. Aufstehen, Sport, Hund ausführen, Kita/ Schule, Büro, Kita/ Schule, wieder zum Hund, Hausaufgaben, Sportprogramm der Kinder, Musikunterricht, Abendessen, kurze Auszeit und am nächsten Morgen alles von vorne. In meiner Tätigkeit als Unternehmensberaterin mit dem Fokus auf Mitarbeitergesundheit und flexiblen Arbeitszeiten, haben mir zahlreiche Chefs versichert, dass sie besonders an Müttern interessiert sind. Sie arbeiten strukturiert, gewissenhaft, durchgetaktet und dankbar, denn sie sind nicht allein im Unternehmen beschäftigt, sondern sie führen noch ein kleines Familienunternehmen und das hat rund um die Uhr geöffnet.

Fazit

In der heutigen Arbeitswelt ist es äußerst mutig, den Wunsch nach einer Teilzeitführungsstelle zu äußern, da es von Größe zeugt, sich fernab der standardisierten Berufswege zu orientieren und mit Kritikern umzugehen (davon gibt es genug, das sei versichert). Teilzeitführungskräfte gehören aktuell zu den Pionieren und werden in naher Zukunft unerlässlich für erfolgreiche Unternehmen sein. Sie denken die Arbeitswelt neu, sie sehen nicht die Probleme und warum Etwas nicht funktionieren sollte, sie sehen vielmehr die Lösungen und dass es Einsatz braucht, aber dann zielführende und erfolgreiche Strategien geben wird. Wir sollten Mütter, die arbeiten möchten, auch die Möglichkeiten bieten und uns von alten Strukturen und Rollenmustern nicht bremsen lassen.

Es geht nicht darum, dass Vollzeitarbeit schlecht ist, es geht vielmehr darum, dass Teilzeitarbeit normalisiert wird und auf dem gleichen Level angesiedelt wird!

It´s not all about work. It´s about life.

 

 

Zur Autorin:
Kerstin Stöver studierte BWL mit Schwerpunkt Wirtschaftspsychologie, Unternehmens- und Mitarbeiterführung. Sie gründete 2017 die balima consulting Unternehmensberatung und ist seitdem freiberufliche Unternehmensberaterin. Als ausgebildete Bankkauffrau leitete sie während ihres Studiums diverse Projekte in Teilzeit. Das entfachte auch ihr Interesse an der Forschung neuer Arbeitszeitmodelle. Sie beschäftigt sich mit der Bedeutung und Implementierung von individuellen Arbeitsmodellen sowie der Gestaltung von gesundheitsfördernder Arbeitsorganisation und Teilzeit-Führung. Im November 2018 erschien hierzu ihr erstes Buch im Springer Gabler Verlag.

Kontakt:

Email: stoever@balima-consulting.de
Instagram: @balima.kerstin

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