„Ich bin eine dieser Mütter, die alles haben will. Und die nur schwer einsieht, dass eben nicht alles geht. Oder zumindest nicht gleichzeitig. Ohne dabei auszusehen, als hätte ein Bus mich überfahren“. Sagt Andrea von sich selbst. Sie kennt sich aus mit Vereinbarkeit und Betreuungs- und Erwerbsarbeit und differenziert ganz klar für wen sie „Mama“ und für wen sie „Andrea“ ist. Die gebürtige Bernerin, lebt und arbeitet seit 10 Jahren in Zürich. Seit 15 Jahren ist sie in den Medien tätig, als Fernsehmoderatorin und -Redakteurin, als Produzentin und Journalistin. 2016 gründete sie das Elternblog “Any Working Mom”. Die Seite ermutigen Eltern ihr Leben nicht für, sondern mit ihren Kindern zu leben. Andrea selbst hat drei Kids, im Alter von 6, 4 und 1.5 Jahren.

MuMi, SSW, PDA und KiWa. Auf deinem Blog „any working Mom“ sehe ich, Du sprichst den Mom Slang fließend. Organisierte Ausbildung vorab oder Learning by doing?

Unfreiwilliges Learning by doing. Wenn Du noch weiterliest, kommt da nämlich auch noch ein WTF. Ich finde es amüsant, wie sich Mütter vor allem in den digitalen Medien in diesem Slang als einer Art Geheimsprache unterhalten. Wer nicht mitreden kann, wird ausgeschlossen. Das wollte ich damit ein wenig auf die Schippe nehmen. Ich bin generell für ein mit- und nicht ein gegeneinander.

Mama und immer noch Du. Kannst du das von dir sagen? Wenn ja, wie hast du geschafft dir als Frau im ganzen Mama Wahnnsinn treu zu bleiben?

Mama bin ich nur für meine Kinder – für alle anderen bin und war ich Andrea. Ja, ich kann das absolut von mir sagen und es ist uns von AWM ein wichtiges Anliegen, dieses Bild der “guten”, sich komplett aufopfernden Mutter nieder zu reissen. Wir können nur gute Vorbilder sein – vor allem für die nächste Generation von starken, mündigen Frauen – wenn wir vorleben, dass Liebe nicht gleichzusetzen ist mit Selbstaufgabe. 

(c)Martina Strul

Was macht es für Dich aus eine Working Mom zu sein?

Mir gibt meine Arbeit den nötigen Ausgleich und mentale und intellektuelle Stimulation. Ich finde es grossartig, wenn ich mit meinem Team von Any Working Mom einen Meilenstein erreiche, wenn wir neue Ideen brainstormen oder wir eine solche Realität werden lassen. Ich liebe es, zu kreieren. In meinem Familienleben lasse ich meine Kinder ihre Welt kreieren und helfe ihnen dabei – meine Ansprüche an Effizienz muss und kann ich dort beiseite schieben.

Ich bin für mich die bessere Mutter, wenn ich meine kreative und ehrgeizige Ader ausleben kann – ausschliesslich Betreuungsarbeit zu leisten würde mich persönlich nicht erfüllen.

Foto (c) Raphael Hug

Braucht jede working Mom einen supporting Dad?

Ich gehe weiter: jede Working Mom braucht einen equal Working Dad. Support, oder eben “Hilfe”, ist meiner Meinung nach schon der falsche Ansatz. So wird nämlich schon klar kommuniziert, dass Familie Muttersache ist, der Mann höchstens “mithilft”. Wenn Betreuungs- und Lohnarbeit gleichwertig betrachtet wird, dann geht es nicht mehr um Hilfe, sondern einfach um ein Aufteilen der Arbeit. In welchem Prozentsatz das dann geschieht, ist Nebensache.

Wofür arbeitest Du?

Any Working Mom ist mittlerweile eine ziemlich grosse Plattform in der Schweiz geworden, und wir versuchen natürlich auch, sie zu monetarisieren und weiter zu entwickeln. Ich leiste pro Woche 60-80% Erwerbsarbeit, davon investiere ich wahrscheinlich 80% ins Management, Content-Creation und Finanzierung des Blogs. In den restlichen 20% arbeite ich für eine Stiftung oder führe Aufträge als freie Journalistin aus.

Wenn Du fragst, “wofür”, dann muss ich noch anfügen, dass wir mit AWM ein klares Ziel verfolgen: Wir möchten die Anerkennung von Betreuungsarbeit steigern, die Eltern und künftigen Generationen von Eltern dazu aufrufen, sich für bessere politische Bedingungen einzusetzen, was die Vereinbarkeit betrifft (wir kennen momentan in der Schweiz nur einen Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen, Väter kriegen 1 Tag) und generell die Mütter dazu ermutigen, ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen und zu fördern.

Dafür arbeite ich.

Kind und Karriere. Was sagst du?

Klar. Aber der mit dem “alles unter einen Hut kriegen” ist eine Illusion. Es geht alles, aber nicht gleichzeitig.

Wie funktioniert Vereinbarkeit? Deine 5 Tipps, bitte.

  1. Den Schalter umlegen. Mails beantworten, während mir drei kleine Menschen um die Beine springen, die meine Aufmerksamkeit wollen, funktioniert nicht. Die Erwerbs- und die Betreuungsarbeit also klar trennen.
  2. Outsourcen – wo kann Stress weg? Klar, eine Putzhilfe kostet Geld – aber vielleicht spare ich sogar Geld, wenn ich die Zeit gewinnbringender einsetzen kann.
  3. Bye, Perfektionismus: Sich von falschen und aufgedrängten Ansprüchen befreien und es einfach mal sein lassen.
  4. Hilfe annehmen und auch darum bitten.
  5. Akzeptanz: Man kann nicht alles gleichzeitig haben. Ich spreche dabei von der 4-Herdplatten – Theorie, mehr dazu hier auf dem Blog: anyworkingmom

Portraitbild und Header Foto
(c)Martina Strul

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